Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris

Die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris waren koordinierte, islamistisch motivierte Attentate an fünf verschiedenen Orten im 10. und 11. Pariser Arrondissement sowie an drei Orten in der Vorstadt Saint-Denis. Nach Angaben der französischen Regierung wurden 130 Menschen getötet und 352 verletzt, davon 97 schwer. Außerdem starben sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken. Zu den Anschlägen bekannte sich die terroristische Vereinigung „Islamischer Staat“ (IS).
Die Angriffsserie am Freitagabend richtete sich gegen die Zuschauer eines Fußballspiels im Stade de France, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants. Es handelte sich um mehrere Schusswaffenattentate, ein Massaker mit Geiselnahme sowie sechs Detonationen, die von Selbstmordattentätern mit Sprengstoffwesten ausgelöst wurden.
Nach den Attentaten verhängte die Regierung Valls den Ausnahmezustand und rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Präsident François Hollande sprach von einem kriegerischen Akt und kündigte einen entschiedenen Kampf gegen den Terror an. Am 17. November 2015 beantragte Frankreich als erstes Land in der Geschichte der Europäischen Union den Beistand der anderen EU-Staaten im Rahmen der Regelungen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (Art. 42 Abs. 7 des EU-Vertrags). Die europäischen Staaten sicherten ihre Solidarität zu.
Der mutmaßliche Planer der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, starb wenige Tage später bei einer Razzia im Pariser Vorort Saint-Denis.
Marc Trévidic, einer der französischen Untersuchungsrichter für Terrorstraftaten, äußerte sich Wochen vor der Anschlagserie mit Aussagen in einem Interview mit der Zeitschrift "Paris Match", wonach Frankreich eines der Hauptziele eines terroristischen Überbietungswettbewerbes sei. Einige Terrororganisationen seien bestrebt, eine Art „Prix Goncourt des Terrorismus“ zu gewinnen, indem sie das Ausmaß des 11. September 2001 übertreffen wollten. Dies solle seitens des Anführers des sogenannten Islamischen Staates (IS) Abu Bakr al-Baghdadis bevorzugt in Frankreich geschehen. Frankreich sei für die Terroristen näher und leichter erreichbar und wegen seiner militärischen Präsenz, etwa in Mali, Syrien und Irak, sowie wegen der militärischen Unterstützung Israels und der Golfstaaten mittlerweile zu einem bevorzugten Anschlagsziel geworden. Die Justiz sei deutlich überfordert.
1994 brachte eine Gruppierung der GIA den Air-France-Flug 8969 in ihre Gewalt. Geplant war, das Flugzeug über Paris abstürzen zu lassen. 1995 kam es zu einer Anschlagsserie in Paris mit Attentaten in Zügen der Pariser Métro und dem RER, ebenfalls durch die GIA. Im Dezember 1996 folgte der Anschlag im Pariser Bahnhof Port-Royal.
Die Terroranschläge am 13. November 2015 bildeten die zweite größere Terrorattacke in Frankreich in elf Monaten – nach dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 und der Geiselnahme an der Porte de Vincennes am 9. Januar 2015. Der Terroranschlag von Saint-Quentin-Fallavier am 26. Juni 2015 wurde von einem Einzelgänger begangen, eine Reihe weiterer Attentate konnten im Vorfeld verhindert werden. Beim versuchten Anschlag im Thalys-Zug 9364 am 21. August 2015 konnte ein mit einem Sturmgewehr bewaffneter Attentäter durch zufällig anwesende amerikanische Soldaten überwältigt und ein mögliches Blutbad verhindert werden.
In der Region Paris galt seit dem 7. Juli 2005, dem Tag der Terroranschläge in London, die höchste Terrorwarnstufe des Plan Vigipirate.
Am 15. November 2015 betonte ein Vertreter des irakischen Geheimdienstes, dass die französischen Behörden entsprechende reichlich vage Warnungen am Tag vor den Anschlägen aus dem Irak bekommen haben. In der Presse wurden Warnungen des Iraks vom 25. September 2015 zu geplanten Terroranschlägen auf die Metro in Paris bekannt. Die Anschläge vom 13. November in Paris sollen vom Führer des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Baghdadi, selbst befohlen und in der IS-Hochburg Ar-Raqqa in Syrien geplant und koordiniert worden sein. Nach den irakischen Geheimdienstinformationen sollen angeblich mindestens 24 Menschen, darunter 19 Angreifer, an den Anschlägen beteiligt gewesen sein.
Die französische Luftwaffe intervenierte in der "Opération Chammal" seit Oktober 2014 im irakischen Bürgerkrieg im Rahmen der von den Vereinigten Staaten geführten Allianz gegen den IS im Irak. Die Luftangriffe wurden seit dem 27. September 2015 auf Einrichtungen des IS in Syrien erweitert.
Regierungssprecher Stéphane Le Foll kündigte nach den Anschlägen an, dass ein Flugzeugträgergeschwader mit der Charles de Gaulle am 18. November 2015 den Marinestützpunkt Toulon in Richtung Persischer Golf verlassen werde, um sich ab Mitte Dezember 2015 ebenfalls am Kampf gegen den IS zu beteiligen. Damit stationierte Frankreich 38 Militärflugzeuge in der Region, davon zwölf in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Jordanien.
Als Reaktion auf die Terroranschläge in Paris verstärkten französische Flugzeuge die Bombardierung von Gebieten des IS in Syrien, darunter am 15. November 2015 abends ein Ausbildungslager und ein weiteres Camp in Ar-Raqqa, das als Kommandozentrale und Waffenlager diente.
Am 29. Oktober 2015 hatte der französische Geheimdienst einen Anschlag des „Islamischen Staates“ auf Soldaten der französischen Marine am Marinestützpunkt in Toulon vereitelt, erklärte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve am 10. November 2015. Ein 25-Jähriger war verhaftet und am 3. November wegen der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung und Terrorismus angeklagt worden.
Einen Tag vor dem Anschlag in Paris verübte der „Islamische Staat“ einen Terroranschlag in der libanesischen Hauptstadt Beirut im Feierabendverkehr vor einer Bäckerei und einer Moschee. Neben den zwei Selbstmordattentätern starben weitere 47 Menschen und über 230 wurden verletzt. Ein Flugzeugabsturz (Kogalymavia-Flug 9268) am 31. Oktober 2015 auf der Sinai-Halbinsel war vom IS für sich in Anspruch genommen, aber zum Zeitpunkt des Anschlags noch nicht eindeutig zugeordnet worden.
Am Tag der Anschläge von Paris war in Istanbul ein ebenfalls großer Anschlag verhindert worden, teilten türkische Behörden mit. Am 13. November 2015 waren fünf Verdächtige festgenommen worden, darunter ein enger Vertrauter des britischen IS-Kämpfers Mohammed Emwazi („Jihadi John“), teilte die türkische Regierung mit, die davon ausging, dass der Anschlag in Istanbul am selben Tag wie die Anschläge in Paris geplant gewesen sei.
Nach Angaben von Ermittlern hatten die Terroristen am 13. November 2015 möglicher Weise einen parallelen Anschlag auf den Flughafen Amsterdam Schiphol geplant. Dafür spreche ein Organigramm der eingesetzten Terror-Teams, das auf einem Laptop der Attentäter der späteren Terroranschläge in Brüssel gefunden worden sei. Zwei Verdächtige, die inzwischen in Belgien inhaftiert sind, seien am 13. November 2015 per Fernbus nach Amsterdam gefahren und hätten mit falschen Identitäten ein Hotelzimmer unmittelbar vor dem Flughafen Schiphol genommen. Warum sie kein Attentat verübt hätten, sei unklar.
Am 20. November 2015 erfolgte ein Anschlag auf das Radisson Blu Hotel im malischen Bamako, bei dem mindestens 20 Menschen ums Leben kamen.
Am 22. März 2016 wurden in Brüssel Sprengstoffanschläge mit 35 Toten und mehr als 300 Verletzten durchgeführt. Mehrere der Verdächtigen werden auch mit den Anschlägen in Paris in Verbindung gebracht. Vermutlich handelte es sich bei den Attentätern um Mitglieder derselben Terrorzelle. Nach Angaben der Brüsseler Staatsanwaltschaft war ein erneuter Anschlag in Paris geplant, aufgrund der Fortschritte bei den Ermittlungen hätten sich die Terroristen kurzfristig umentschieden.
Im Stade de France fand vor rund 80.000 Zuschauern das Freundschaftsspiel zwischen der französischen und der deutschen Fußballnationalmannschaft statt. Einige Stunden vor dem Anpfiff hatte die deutsche Fußballnationalmannschaft wegen einer Bombendrohung gegen das Hotel "Molitor Paris" im 16. Arrondissement ihr Mannschaftsquartier vorübergehend verlassen müssen. Bei der Sportveranstaltung, die per Direktübertragung in 66 Ländern ausgestrahlt wurde, waren Staatspräsident François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier anwesend.
Einer der drei Selbstmordattentäter versuchte am Eingangstor D in der Avenue Jules Rimet 15 Minuten nach Spielbeginn ins Stadion zu gelangen. Ein Sicherheitsmann kontrollierte den Täter und entdeckte eine Sprengstoffweste, woraufhin der Attentäter flüchtete. Laut Spielaufzeichnung zündete er um 21:17 Uhr die Bombe außerhalb des Stadions und riss dabei einen Passanten mit in den Tod. Der Attentäter führte einen gefälschten syrischen Pass mit sich, der am 3. Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Die wahre Identität des Mannes ist bislang unbekannt.
Ein zweiter Pass, der nach den Anschlägen am Stadion gefunden wurde, gehörte einem ägyptischen Opfer des Sprengstoffanschlages.
Der zweite Selbstmordattentäter am Stadion versuchte am Toreingang H in das Innere zu gelangen. Kurz darauf sprengte sich dieser in die Luft. Dieser Attentäter war am 3. Oktober 2015 in Griechenland registriert worden, seine Identität ist bislang ebenfalls unbekannt. Um 21:36 Uhr erhielt der französische Innenminister Bernard Cazeneuve die Mitteilung des Polizeipräfekten, dass es sich um Anschläge handele.
Der dritte Selbstmordattentäter war Bilal Hadfi. Er befand sich 300 Meter abseits des Stadions vor einer McDonald’s-Filiale an der Straßenkreuzung zwischen der Rue des Trémies und der Rue de la Cokerie und zündete seinen Sprengstoffgürtel um 21:52 Uhr, wobei keine weiteren Menschen ums Leben kamen.
Alle drei Detonationen waren im Stadion wahrnehmbar, die beiden ersten sind in der Fernsehübertragung zu hören. Die meisten der befragten Stadionbesucher gaben an, die Geräusche auf Feuerwerkskörper zurückgeführt zu haben. Während Hollande in der Halbzeitpause das Stadion verließ und ins Innenministerium fuhr, nahm Steinmeier in der zweiten Halbzeit seinen Platz auf der Ehrentribüne wieder ein. Das Spiel wurde fortgesetzt, um eine größere Panik zu vermeiden. Zeitweise waren während der zweiten Spielhälfte die Ausgänge des Stadions abgeriegelt.
Nach Spielende wurden die Zuschauer geordnet aus dem Stadion geleitet. Da nicht alle Ausgänge geöffnet waren, strömten viele auf das Spielfeld. Beide Nationalmannschaften verblieben nach dem Spiel im Stadion. Die französische Mannschaft wurde in den frühen Morgenstunden nach Clairefontaine-en-Yvelines zum Leistungszentrum der Fédération Française de Football gefahren. Die deutsche Mannschaft verbrachte die ganze Nacht im Stadion, die französischen Kollegen leisteten ihnen zeitweilig Gesellschaft. Die Spieler wurden am Morgen direkt zum Flughafen gebracht. Eine Cousine des französischen Nationalspielers Lassana Diarra, der am Abend bei dem Spiel gegen Deutschland teilnahm, zählt ebenfalls zu den Todesopfern.
Die Angreifer hielten gegen 21:25 Uhr in einem schwarzen Seat Leon an der Kreuzung Rue Bichat und Rue Alibert im 10. Arrondissement. Zunächst feuerten sie mit Kalaschnikow-Sturmgewehren auf die Außenplätze der Bar "Le Carillon" in der Rue Alibert 18, anschließend auf das gegenüberliegende kambodschanische Restaurant "Le Petit Cambodge" in der Rue Alibert 20. Insgesamt starben an diesem Ort mindestens 15 Personen, zehn weitere wurden verletzt. Nach der Tat fuhren die Attentäter über die Rue Bichat zum 400 m entfernt liegenden nächsten Tatort.
Um 21:32 Uhr hielten die Angreifer erneut an einer Straßenkreuzung und erschossen dort einen Mann in seinem Fahrzeug. Danach feuerten sie auf das Café "Bonne Bière" in der Rue du Faubourg-du-Temple 32, in dem drei Personen starben. Anschließend feuerten sie in den benachbarten Waschsalon "Lavatronic", und schließlich beschossen sie das gegenüberliegende italienische Restaurant "La Casa Nostra" in der Rue de la Fontaine au Roi 2, wobei eine Person ums Leben kam. Acht weitere Personen wurden schwer verletzt. Als der Schütze am Ende einzelne Überlebende auf der Terrasse exekutieren wollte, hatte seine Waffe eine Ladehemmung. Er stieg daraufhin zurück in das Fahrzeug, welches den Tatort über die Rue de la Fontaine au Roi verließ. Aus dem fahrenden Auto heraus wurde eine weitere Person erschossen.